Wege von Trados zu OmegaT im Frühling 2026

Wege von Trados zu OmegaT im Frühling 2026

Da ich im Juli 2025 in eine Vollanstellung als Technischer Redakteur/Wissensmanager und DeFrEnT nur noch nebenberuflich weiterführe, stellte sich natürlich die betriebswirtschaftliche Frage, ob es sich noch einmal lohnt, hunderte Euro nach einer neuen Trados Studio-Lizenz zu werfen: Mein 2021er Trados ist dann doch etwas in die Jahre gekommen.

Um es kurz zu machen: Nö. Ich habe jetzt fast nur noch Direktkunden.
Die Agenturen, mit denen ich früher gern zusammenarbeitete und die Trados-Projektpakete mit mir austauschten, sind alle den Weg des PEMT gegangen. Sie lassen also nun Maschinenübersetzungen korrekturlesen, statt Übersetzer ihren qualifizierten Job machen zu lassen. Und darauf bin ich nun zum Glück nicht mehr finanziell angewiesen.

Der Plan ist also, zu OmegaT zu wechseln – einem freien Open-Source-CAT-Tool (Computer-aided Translation Tool, manchmal auch „TEnt“ oder „Translation Environment“ genannt). Lesenswert sind hier vielleicht auch die grundsätzlichen Überlegungen in CAT-Tools: Helfer für die Übersetzung von 2024.

Aber selbst neue auf Trados-Projektpaketen basierende Anfragen wären ja mit dem freien Open-Source-Übersetzungstool OmegaT kein Problem: Das hat 2023 Marc Prior in OmegaT-Trados Compatibility auf linuxfortranslators.org dargelegt. Dabei verweist er freundlicherweise auch auf meine Analyse What’s in SDL Trados Project/Return Packages (sdlppx/sdlrpx)? aus dem Jahr 2014, die jetzt für mich neue Relevanz entfachen könnte.

Los geht’s: Wechseln wir zu OmegaT!

OmegaT ist schnell heruntergeladen und installiert, sowohl auf meinem Windows 11-Host, als auch parallel in der Linux Mint-VM.

Nach kurzer Überlegung habe ich mich dafür entschieden, jeweils auch einen lokalen LanguageTool-Server aufzusetzen, um im Sinne der Quality Assurance eigene Regeln für die Rechtschreib- und Stilprüfung schreiben zu können. Diesen kann OmegaT nämlich automatisch mitstarten, wenn man dies in den Einstellungen so angibt.
Wenn ihr Interesse daran habt, dass ich das mal beschreibe, lasst mir einen Kommentar hier oder auf Mastodon da!

À la carte: Beilagen zum Hauptgericht OmegaT

Als Dreingabe gab es dann noch

  • ein frisches Update fürs OpenJDK von Adoptium – sicher ist sicher!
  • ein paar zusätzliche OmegaT-Plugins, z. B.
    • ODT Review, um Prüfdokumente ex- und nach dem Korrekturlesen importieren zu können,
    • Character Limiter, um bei UI-Lokalisierungen nicht zu lange Strings zu schreiben,
    • und auch das neue DeepL Connector Plug-in für deren APIv2, weil das mit OmegaT mitgelieferte nicht mehr funktioniert. Hier gilt natürlich: „Nur mit DeepL Pro-API-Schlüssel“, damit die ihre Augen und LLMs von den Inhalten meiner Kunden lassen, wenn ich mal nicht weiter weiß und mir Vorschläge anzeigen lassen will).
    • Für den Scripts-Ordner noch das kurze Groovy-Script von Denis Pleic für die Berechnung von Normseiten/Standardseiten.
      Das habe ich dann bei der Gelegenheit gleich für die in Deutschland üblichen Normzeilen adaptiert und eine Funktion hinzugefügt, welche die Analysedaten direkt auch als Textdatei ins Projektverzeichnis schreibt.
      Vibe Coding mit einem per Ollama lokal laufenden LLM macht’s möglich!
  • für mehrsprachiges Terminologie-Mining und Qualitätssicherungs- und Konvertierungsaufgaben sind das Okapi-Toolkit (samt Okapi-Filter für OmegaT),
  • fürs Terminologie-Mining und Textanalyse außerdem Laurence Anthonys Konkordanztool AntConc
  • für den Export meiner existierenden Trados-Termbanken (.SDLTB) die Glossary Converter-App, um das XML-Austauschformat .TBX in OmegaT nutzen zu können – diese benötigt das bei mir noch funktionierende Trados MultiTerm. Dazu weiter unten gleich noch mehr.
  • Die Trados-Translation Memories (.SDLTM) kann man ohne weiteres so aus dem noch laufenden Trados Studio 2021 in das XML-Austauschformat .TBX exportieren.

Der Hauptgang: OmegaT im ersten Praxistest

Mit den aus dem Vendor-Lock-in befreiten Translation Memorys und Termbanken und ein paar MS Office-Testdokumenten (.docx und .xlsx) im Gepäck habe ich dann ein Test-Projekt erstellt, übersetzt und Zieldateien exportiert.

Erstes Fazit: Läuft.

Es ist noch etwas ungewohnt nach 15 Jahren Trados, aber mit etwas Fenster-Arrangement und Finetuning der OmegaT-Einstellungen und Tastaturkürzel geht es zunehmend besser. Die Ergebnisse waren nach einem Fehlexport und einmal Tag-Validierung/Fehlerbereinigung in OmegaT auch wie erwartet: Das Word-Dokument sieht aus, wie es soll und auch bei Excel wurden brav auch nur die Blätter, Spalten und Zeilen übersetzt, die ich nicht ausgeblendet hatte.

Gespannt bin ich auf die demnächst folgenden Tests mit RoboHelp .XLF/.XLIFF-Dateien (das ist ein Standard für zweisprachige Übersetzungsdaten). Diese hatten in Trados immer wieder für Ärger gesorgt, weil sie für RoboHelp zwingend in UTF-8 kodiert sein müssen, Trados sich aber böswillig weigerte, etwas anderes als UTF-8-BOM auszuspucken.

Was mir Stand jetzt fehlen wird:

  • Am meisten eine richtige Termbank wie MultiTerm, die gut mit OmegaT zusammenspielt. OmegaT kann zwar .tbx-Daten als „Glossar“ lesen, aber es zeigt sie nicht hübsch strukturiert an. OmegaT kann neue Einträge auch nur in sein eigenes CSV-Glossarformat (Quelle-Ziel-Kommentar) aufnehmen. Tut mir leid, aber ein Glossar ist keine Termbank! Da fehlen mir Wortart-Informationen (POS; Part-of-Speech), die Vertrauenswürdigkeits-Note von „Verbindlich“ bis „Verboten“, Kontexte wie Satzbeispiele oder angefügte Bilder/Medien zur Veranschaulichung, Quellenangaben für den Terminus usw.!
  • Stark die Möglichkeit, Translation Memories und DeepL als „Auto-Vervollständigen“-Option beim Tippen einzusetzen, statt Segmente ganz vorübersetzen zu lassen oder das MÜ-Ergebnis nur nebendran an der Seite zu sehen.
  • Mittel die Möglichkeit, Projekt- und Dateistatistiken zu konfiguriereren und z. B. die Match-Spannen auf die von meinen Kunden gewohnten Prozentsätze der Übereinstimmung anzupassen. Das Skript für die Berechnung von Normzeilen, das ich im Web gefunden und angepasst habe, mag hier ein erster Ansatz sein. Vielleicht gelingt es mir künftig, direkt eine Analyse auszuspucken, welche für jede Datei im Projekt die Anzahl der Normzeilen je Matchwert-Spanne mit meinen Honorarsätzen als Netto/VAT/Brutto-Ergebnis ausspuckt. Das wär mal was! Sonst muss ich eben ein bisschen Kopfrechnen … äh, LibreOffice Calc bemühen.
  • Geringfügig eine etwas modernere Optik.

Dessert: Das Normzeilen-Skript für OmegaT

Als kleines Dankeschön dafür, dass ich Open Source-Produkte nutzen kann, in die viele Leute Jahre der Arbeit gesteckt haben, hier ein weiterer Beitrag von meiner Seite: Das oben angeteaserte Normzeilen-Skript für OmegaT (zip). Es muss in den Programm-Unterordner „scripts“ entpackt werden.

Vielleicht interessiert euch ja auch das DSGVO-Translation Memory im .TMX-Format?

Christopher Köbel (Portrait)
Christopher Köbel

Inhaber von DeFrEnT Christopher Köbel. Fachübersetzer für Deutsch, Französisch und Englisch für die Branchen IT, Web, Maschinen- und Anlagenbau, Kunststoffe, Industrie 4.0. Allgemein ermächtigter Übersetzer für Französisch und Englisch. Mitglied im Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ).

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